Scheidung, Geburt und Hochzeit
Den 19.März 2003, fast drei Monate vor meinem 20. Hochzeitstag, werde ich so schnell nicht vergessen.
„Im Namen des Volkes wird die am 02.Juni 1983 geschlossene Ehe der Parteien rechtskräftig geschieden“, verkündigte der Richter und schloss die Verhandlung.
Dieser Satz schwirrte noch lange in meinem Kopf herum, ‚was hatte das Volk damit zu tun?’, dachte ich immer wieder. Statt mich zu freuen, verließ ich den Gerichtssaal und fiel meiner zukünftigen Schwägerin Nicole weinend in die Arme. Ich weiß bis heute nicht, warum ich am Heulen war, eigentlich hatte ich allen Grund glücklich zu sein. Vielleicht war es der Ausspruch meines Exmannes:
“Endlich bin ich sie los!“
Jedenfalls war ich jetzt frei, frei für Jörg und wir könnten endlich heiraten. Den Heiratsantrag hatte er mir schon vor zwei Jahren gemacht. Wenn es da nicht ein kleines Problem gegeben hätte. Ich war im sechsten Monat schwanger, und mit einem dicken Bauch wollte ich nun nicht zum Standesamt marschieren. Erstmal die Entbindung abwarten, die Hochzeit schon mal planen, dachte ich mir, aber Jörg zeigte, trotz meiner kleinen Seitenhiebe, keine Anstalten das Wort Hochzeit auch nur in den Mund zu nehmen.Enttäuschung kroch in mir hoch, wollte er nicht mehr heiraten? Und so ließ ich das Thema erstmal ruhen. Bis zum Muttertag.Ich lag noch im Bett, denn ich hatte die ganze Nacht nicht richtig geschlafen. Mein wie ein Fußball geformter Bauch störte mich – ein Monat vor dem Entbindungstermin bei allem, was ich tat, egal wie ich mich drehte und wendete. Jörg war schon aufgestanden, ich hatte aber noch keine Lust aus dem Bett zu kriechen. Plötzlich öffnete sich unsere Schlafzimmertür und er stand mit einem Tablett, beladen mit gekochten Eiern, herrlich duftendem Kaffee und aufgebackenen Brötchen vor meinem Bett.
„Guten Morgen Schatz, wie wäre es mit einem Frühstück im Bett?“, fragte er herausfordernd. Ich musste erstmal eine richtige Sitzposition einnehmen, um das Tablett in Empfang nehmen zu können, denn wie gesagt, mein Bauch störte enorm.Genüsslich ließ ich mir alles schmecken, wunderte mich nur, warum Jörg nichts aß. Er saß neben mir im Bett und lächelte mich an. Genau in dem Moment, als ich mit Wonne wieder in mein Brötchen beißen wollte, schob er mir ein Päckchen zu.
“Zum Muttertag.“
Mit zittrigen Händen öffnete ich es und war sprachlos.In dem Päckchen befanden sich zwei goldene, schlicht verzierte Ringe, ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt.
„Du hast so lange darauf gewartet. Nun frage ich dich zum zweiten Mal, möchtest du meine Frau werden?“
Ich war sprachlos, streifte meinen Ring über, man muss ja wissen, ob er passt, und mehr als ein klägliches „Ja“ brachte ich nicht über meine Lippen. Mit Tränen in den Augen betrachtete ich immer wieder den Ring. Ich war happy! Noch im Bett wurde ein Datum für die Hochzeit ausgesucht.Wir einigten uns auf den 19.August. Das war der noch einzige freie Tag im August, der nicht von Geburtstagen belegt war, bevor die Schule wieder anfangen würde. Meine Kinder aus erster Ehe, unsere Nichten und Neffen sollten ja auch dabei sein.Von diesem Tage an hatten wir viel zu tun, es mussten noch einige Fragen geklärt werden. Wie und wo wollten wir feiern? Wann sollten wir das Aufgebot bestellen? Vor der Geburt unserer Tochter - ich wusste seit einer Fruchtwasseruntersuchung, dass es ein Mädchen werden würde – oder danach? Wir entschieden uns für danach.Die Zeit verging wie im Flug, und plötzlich war er da, der Morgen der Geburt.Schon in der Nacht merkte ich in unregelmäßigen Abständen ein Ziehen. Gedanken, dass es losgeht, kamen mir nicht, schließlich hatte ich noch zwei Tage, und meine drei Jungens waren auch alle etliche Tage nach dem errechneten Geburtstermin zur Welt gekommen.Gegen 05:00 Uhr, Jörg musste zur Arbeit, war das Ziehen immer noch unregelmäßig, aber eben immer noch vorhanden.
„Geh ruhig zur Arbeit, das kann noch dauern“, beruhigte ich ihn. Er stand mit Jacke und Rucksack in der Tür und wurde nun doch langsam sehr nervös. Mit einem Mal spürte ich, wie eine warme, feuchte Flüssigkeit in meiner Unterhose landete. Der Schleimpfropf hatte sich gelöst, es ging tatsächlich los.Hals über Kopf rief Jörg auf der Arbeit an, informierte meine Mutter, dass sie nach den Jungen schauen solle, und versuchte seine Schwester Nicole zu erreichen, die bei der Geburt dabei sein wollte. Sie ging nicht ans Telefon, und so fuhren wir ohne sie in die Klinik.Im Kreissaal ging es dann richtig zur Sache, eine Wehe jagte die andere, sie kamen jetzt in regelmäßigen Abständen.Bei der Untersuchung stellte die Hebamme fest, dass der Muttermund schon drei Zentimeter offen war und das Kind richtig lag. Ich durfte rumlaufen, damit das Ungeborene noch besser in den Geburtskanal rutschen konnte. Das tat ich auch, während Jörg sich mit der Hebamme gemütlich an die Wand hinter mir kauerte und mit ihr eine Unterhaltung anfing, ja sogar einen kleinen Flirt.Na warte dachte ich, du wirst nachher auch noch leiden müssen.So lief ich durch das Zimmer, und bei jeder Wehe drückte ich meine Hände ganz stark gegen die Wand, wäre sie nicht fest gewesen, ich hätte sie verschoben. Nach einer Stunde mit heftigen Wehen konnte ich nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, ich müsste auf Toilette und Stuhlgang machen. Daraufhin untersuchte mich die Hebamme nochmals und meinte: „Sie können pressen.“Was ich auch mit Freude tat. Ich presste und presste, dabei kratzte ich Jörg am Oberarm so stark, dass leichte Kratzspuren zu sehen waren. Nach sechs Mal pressen war sie da, unsere Tochter! Ich weiß nicht, wer glücklicher war. Jörg, dass er mit 38 Jahren zum ersten Mal Vater geworden war, oder ich, dass alles vorbei war.Da ich eine ambulante Entbindung machte, verließen wir nach zwei Stunden die Klinik mit der kleinen, neuen Erdenbürgerin.Zuhause wurden wir drei freudig erwartet, vor allem von Nicole, die Jörg in der Zwischenzeit erreicht hatte. Sie hatte das Klingeln vom Telefon gehört, doch sie hatte keine Lust gehabt ranzugehen. Es war ihr zu früh! Erst sehr viel später kam ihr der Gedanke, das könnte Meike oder Jörg gewesen sein, dass die Geburt losgeht. Eine Woche später wurden dann Nägel mit Köpfen gemacht. Wir bestellten das Aufgebot und gleichzeitig hat Jörg die Vaterschaft von Celine anerkannt.